Roberto Costantini: Du bist das Böse

Mein Lesejahr hat so wunderbar begonnen! Erst das gute Hörbuch von Tana French und dann dieser hervorragende Thriller aus Italien, der mich von der ersten Seite an zu begeistern wusste und dieses gelungene Ende bereithielt. Ein Buch, das für mich keinen Wunsch offen ließ und das ich auf jeden, jeden Fall noch ganz oft lesen werde!

 
Du bist das Böse

Kurzinfos zum Buch

Veröffentlicht: August 2012
Verlag: C. Bertelsmann Verlag
Seitenzahl: 576
ISBN: 3570101320
Preis: 19.99 Euro (Hardcover)

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Darum geht es:

Die Menschen in Rom sind am Abend des WM-Finales im Jahr 1982 in Feierstimmung. So auch Commissario Balistreri, der jedoch kurz vor dem Sieg der Squadra Azzura einen Anruf erhält. Ein junges Mädchen wurde misshandelt und ermordet am Tiber gefunden. Die Ermittlungen, die der heißblütige und leidenschaftliche Italiener nur halbherzig führt, sind fehlerhaft und führen ihn zum falschen Mörder. 24 Jahre später erinnern Balistreri, von Schuldgefühlen geplagt, parallele Ereignisse an damals: wieder wird die Leiche einer jungen Frau gefunden, am Abend des Fußball-WM-Finales mit den Italienern im Endspiel. Obwohl zunächst nichts auf einen Zusammenhang zum damaligen Mord hindeutet, treiben die Opfer der vergangenen Geschehnisse jetzt, 2006, an die Oberfläche. Und Balistreri stößt an seine Grenzen.

 

Meine Bewertung:

Das aufgeschlagene Buch vor mir, huschten meine Augen mehrmals über die letzten Worte seiner Geschichte. Ihrer Endgültigkeit bewusst. Die letzte Seite eines Buches ist für mich ganz entscheidend darüber, wie meine endgültige Meinung ausfällt. Und Roberto Costantinis „letzte Worte“ in dem Auftakt einer Trilogie haben mich sehr berührt und mich in Gedanken zurückgelassen. Der Thriller war ein Abenteuer für mich, hat mich nie losgelassen, mich gefesselt, mich ganztägig heimgesucht und ließ mir bis zuletzt keine Ruhe. Dieses philosophische und tiefgreifende Ende rundete dieses Abenteuer für mich ab und ich finde Frieden mit ihm. Sicher darin, dass dieses Buch für mich ein wahrer Schatz ist. Und es kein anderes Ende als dieses hätte geben können.

Der Auftakt beginnt in Rom, im Jahre 1982. Es ist Fußball-Weltmeisterschaft und die italienische Nationalmannschaft steht im Finale. Ganz Rom hofft und bangt auf dieses Endspiel, das in den heißen Sommertagen auch die Aufmerksamkeit des Kommissar Balistreri und seines besten Freundes Angelo Dioguardi auf sich zieht. Am Abend des Finales, Balistreri wähnt sich schon in den Armen der heißblütigen Frau an seiner Seite, klingelt sein Handy. Das junge Mädchen Elisa Sordi wurde tot am Tiber gefunden. Balistreri stellt seine Ermittlungen nur sehr halbherzig an. Viel zu sehr damit beschäftigt, welche Frau er aufreißen könnte, viel zu sehr damit beschäftigt Zigaretten am laufenden Band zu rauchen und seine Vergangenheit in Belanglosigkeiten und mit einer Wut am Leben zu ignorieren. Der Täter scheint klar zu sein. Doch als sich am Tag seiner Verhaftung die Ereignisse überschlagen, bemerkt Balistreri welche tiefgehenden Fehler er gemacht hat. Und dieser lässt sich niemals mehr verdrängen.
 

„Hätte ich auch weiter getötet, wenn es beim ersten Mal anders gelaufen wäre? Anfangs habe ich mich das oft gefragt. Nach all den Jahren weiß ich nicht einmal mehr, wie viele es waren, und die Frage, die sich mir nun stellt, ist eine andere: Wäre ich ein besserer Mensch, wenn ich nur die eine getötet hätte, in einem einzigen Anfall von Wahnsinn?“ (S. 7)

 
Tatsächlich findet man am Abend des WM-Finales im Jahr 2006 wieder die Leiche einer jungen Frau. Doch endlich scheint Balistreri, als ein völlig anderer Mensch, bereit dafür zu sein, die Wahrheit über den Täter, seine Opfer und die letzten 24 Jahre herauszufinden.

Das Buch beginnt den ersten Teil aus der Ich-Perspektive Balistreris zu schildern. So kam ich einem Mann sehr nahe, der ein wenig befremdlich auf mich wirkte, so liebeshungrig und doch abgestumpft und gelangweilt vom Leben. Frauengeschichten wie am Fließband, der Arbeit nicht genug Bedeutung beimessend und doch nach Werten und Moralvorstellungen handelnd, die ich faszinierend fand. Seine Vergangenheit wird angesprochen, und er selbst bleibt dabei nebulös. Es umgeben Balistreri einige Schatten, die sich an seine Person klammern und nicht lösen können. Es war schon fast schmerzlich, ihm dabei zuzusehen wie engstirnig und überzeugt er den Fall um Elisa Sordi aufzuklären versuchte und dabei mit dem Kopf nur gegen eine Wand lief. Tatsächlich scheint er bis 2006, also ganze 24 Jahre später, bewusstlos vor dieser Wand zu liegen. Die Veränderungen in seiner Person sind gravierend: der Lebenshunger erloschen, wälzt er sich in Schuldgefühlen, die er nach einer Weile zu verdrängen glaubte. Er entsagt jeglichen Freuden des Lebens: Der Liebe und Leidenschaft, und auch dem Zigaretten- und Alkoholgenuss geht er nur noch sehr geregelt und eingeschränkt nach. Es scheint als wandelt eine Hülle seiner Selbst durch das Kommissariat und braucht einen kräftigen Stoß, damit sie wieder erwacht. Und doch scheint es nicht so einfach zu sein: Die Belastungen seiner Psyche sind greifbar und beschwerten mich selbst, als ich ihn beobachtete. In den neuen Fall, der Erinnerungen an Elisa Sordi heraufbeschwört, geht er jedoch auch mit sehr viel Mut, den nicht jeder aufbringen würde. Dass es jedoch nicht der Mut ist, der ihm fehlt, weiß man schon aus Teil 1. Die Figur um Balistreri ist also nicht nur in seiner Zweigeteiltheit – Vergangenheit und Gegenwart – in sehr überzeugender und faszinierender Weise umgesetzt. Zudem ist der Charakter an sich interessant genug, ihn nur in einer Version zu ergründen.

Die Verbrechen, die begangen werden, sind etwas verwirrend, das muss ich zugeben. Es war nicht immer ganz leicht, die vielen italienischen und rumänischen Namen auseinander zu halten und den Überblick über Gut und Böse zu bewahren. Doch wer konzentriert bei der Sache bleibt, wird eine Menge Spaß an diesem grandios konstruierten Buch haben. Denn es zeichnet ein sehr kritisches Bild über die politische und religiöse Gesellschaft Italiens. Diese Kritik in ihrer Qualität ist es auch, die sehr wohl Parallelen zu Stieg Larsson eindeutig zulässt, auch wenn sich die Bücher inhaltlich überhaupt nicht ähneln. Eine ebenso herausragende Stärke von „Du bist das Böse“ ist dieser außergewöhnliche Schreibstil und der intelligente, tiefgründige Blick, mit dem Constantini die Gesellschaft, seine Figuren, und die Beziehungen zwischen ihnen betrachtet. Er sorgt dafür, dass man sich oft der Wahrheit sehr nahe glaubt, aber man im Gegenteil weit von ihr entfernt ist. Dieses Verwirrspiel fesselte mich, und fing mich in der Spannung ein, von der ich mich selbst nicht befreien konnte und wollte.

 

Fazit:

„Du bist das Böse“ ist ein ganz hervorragender Auftakt für eine Thriller-Trilogie aus Italien, von der ich sofort (!) die Fortsetzung lesen möchte. Sie hat alles, was mein Leseherz begehrt: Spannung, Tiefgründigkeit, interessante Charaktere, Gesellschaftskritik und Aufrichtigkeit. Für alle, die sich von Verwirrspielen, einer Menge italienischer Namen und der Notwendigkeit von Konzentration nicht abschrecken lassen, wird dieses Buch eine ganz wunderbare, abenteuerliche und großartige Lesezeit bereithalten! Ein absoluter Lesetipp!

 
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2 thoughts on “Roberto Costantini: Du bist das Böse

  1. Ich bin eigentlich keine Krimi- und Thrillerleserin, aber diesen hatte ich mir, als ich die Verlagsvorschau durchblätterte, tatsächlich notiert, weil es sich erstens um eine italienische Neuerscheinung handelt und ich stets die Augen offen halte, wenn es um den italienischen Markt geht, und weil dieser Thriller zweitens mich inhaltlich mehr reizt als die meisten anderen. Vielleicht habe ich ja irgendwann einmal die Gelegenheit, es zu lesen…

    • Ich kann dir die Lektüre dieses ganz hervorragenden Thrillers nur ans Herz legen. Mich hat er sehr gepackt, von der ersten Seite an. Besonders der kritische Blick auf die italienische Gesellschaft, und das Nicht-Hindurchblicken was Gut und was Böse ist, bereiteten mir besonders viel Freude.
      Ich bin auf deine Meinung gespannt!

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